Hansele

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08.12.2017, 19:00 Uhr
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Die Geschichte der Hansele in Konstanz


Die folgende Zeittafel wurde von Peter Längle und Ulrich Topka erstellt und in der auch heute noch sehr lesenswerten Broschüre „Konstanzer Hansele" veröffentlicht, die die entsprechende Ausstellung 2008 begleitete.

1524 In der Druckschrift des Philadelphus Regius (Pseudonym des Ambrosius Blarer?) "Von Lutherischen wunderzaychenn" wird ein Narr mit Schellenkappe gezeigt. Das Bild soll illustrieren, daß Luther den deutschen Narren die Augen vor der Geldgier des altgläubigen Klerus geöffnet hat.
1548 Im Konstanzer Ratsbuch stoßen wir unter dem Datum des 7.7.1548 auf die Randzeichnung eines Narrenkopfes mit Hahnenkamm und Eselsohren, welche der im Schnetzor befindlichen Hanselehaube aus dem 19. Jh. verblüffend ähnelt. Unter der Zeichnung lesen wir: „omnia si perdas, famam servare memento" ( = Wenn du auch alles verlierst, denke daran, deinen Ruf zu wahren).
16. Jh. Auf einem Model des 16. Jahrhunderts, das aus Konstanz stammt, erkennt man einen Narren, der einen Dudelsack über dem rechten Arm liegen hat. Der Dudelsack ist ein typisches Symbol für den Narren dieser Zeit. Das Model zeigt uns, dass die Narrengestalt nicht nur im kirchlichen Umfeld dargestellt wurde.
1608 Im Konstanzer Ratsbuch von 1608 finden wir eine Randzeichnung von Ratsschreiber Nikolaus Hamerer. Der dort dargestellte Narr trägt eine im Gesicht offene Gugel mit schellenbesetzten Eselsohren, einen unten mit Zacken (Zaddeln) besetzten Kittel und ein flügelähnliches Cape zwischen Ärmeln und Kittel. Die Ähnlichkeit mit dem Konstanzer Hansele vor dessen „Konfektionierung" ist frappierend, wie der Vergleich, der weiter unten zu sehen ist, deutlich macht.
1616 Auch im Ratsbuch findet sich nebenstehende Zeichnung. Die Worte auf der rechten Seite des Narren ("io hero"), könnten eine Art Narrenruf sein. Der Anfang "io" erinnert stark an das römische "Io", ein Ausruf der Freude (vgl. juche!). Während der Saturnalien riefen die Römer beispielsweise "Io Saturnalia". Ob aus dem "Io" das Konstanzer "Ho" (Narro) geworden ist, darüber darf spekuliert werden.
um 1620 Beschreibung des Glasgemäldes, das im Rosgartenmuseum ausgestellt ist: Der Münzwardein (nicht im Bild) überprüft die Legierungen auf ihren Silbergehalt, durch Nach-wägen und Abtreiben von Proben. Ein anderer prüft die Qualität der Münzen im Feuer (A.d.E: vermutlich manipuliert der ganz in weiss gekleidete Narr, der sich neben dem Ofen versteckt, das Feuer). Glasgemälde von Hieronymus Spengler aus der alten Konstanzer Münze, die kurz vor Weihnachten 1891 abbrannte. Der Narr ist nur auf diesem einen Glasbild, das zu einem Bilderzyklus gehört, zu finden.
1773 Constanz, den 16. Jenner 1773, aus dem „Extrablatt aus dem Kaiserl. Königl. Zeitungs Comptoir": „Auf allerhöchste Erlaubnis Sr. Röm. Kaiserl. Apost. Majestät usw. dürfen in allerhöchsten Erbländischen großen Städten „masquirte Bälle" wiedermal abgehalten werden... Nur sind verunstaltende und ekelhafte Masquen, gleich wie auch jene, welche die Leibesgestalt ganz verdecken, als Riesen, Zwerge, Kästen, Zuckerhüte usw., nicht weniger die Vorstellungen des welschen, italienischen, Theaters, nemlich „Arlequins", Possenreißer, Hanswurste, und „Policinellen", Policchinella: auf der ital. Schaubühne eine Charakterolle von satyrischem Geiste und burleskem Aussehen, ein Hanswurst, eigends untersagt."
1778 Im Konstanzer Stadtarchiv finden wir einen mehrseitigen Beschrieb eines von den Studenten und Bürgern gestalteten Fasnachtsumzugs. Er hat das Motto "Ein aufgesetzter masghirter Umzug darstellend die umgekehrte Welt mit ihren fünf Sinnen". Neben unzähligen Kostümierten tritt auch der Hans Wurst zu Pferd auf.9
um 1800 Der Historiker Philipp Ruppert beschreibt um 1870 ein Hansele der Jahrhundertwende: „Die Kleidung des Hansels war früher ähnlich dem Anzuge, wie es noch in Villingen und der Baar üblich ist. Der Zwillich war mit drolligen Figuren bemalt, die Holzlarve schön geschnitten und hinten an der Kapuze hing der lange Fuchsschwanz (siehe die 1983 entstandenen Alt-Konstanzer Hansele). Jetzt wird der ganze Anzug aus billigem Baumwollstoff gemacht und statt der Larve werden in die Kapuze für Augen und Nase Löcher geschnitten. Die Fuchsschwänze sowie der alte Narrenschritt sind ganz außer Gebrauch und das Butzenlaufen kennt man schon fast nicht mehr." 10
um 1825 Karl Spindler 11 beschreibt um 1825 in einer Skizze zu dem 1827 erschienenen Roman „Der Jude" das „Fas'nachtstreiben zur Zeit des Konstanzer Konzils": „Ein lustiges Gesindel, bestehend aus einer großen Zahl von Hanselen, Dominos, Bletzlebube, Laufnarren und Gaukelspringern ...".
1851 Aus der „goldenen Elefantenchronik" 12, die sich im Konstanzer Stadtarchiv befindet, erfahren wir, dass während der badischen Revolution über Konstanz der Kriegszustand von 1848 bis 1852 verhängt worden war. Von der badischen Regierung wurde die Fasnacht im Jahre 1850 gänzlich verboten, 1851 immerhin erlaubt, maskiert aus dem Fenster auf die Strasse zu schauen. Ein als Spaßvogel bekannter Konstanzer legte das eingeschränkte Fasnachtsverbot auf seine Weise aus: Er hängte ein Gaubenfenster aus, verkleidete sich als Hansel, begab sich auf die Strasse und trug das Fenster vor sich her (vgl. Radolfzeller Kappedeschle, Hüfinger Baptistle).
1850-1880 Im Schnetztor wird eine Hanselehaube aufbewahrt, die Heinz Hug aus dem Fundus des Konstanzer Stadttheaters überlassen wurde. Am 2. März 2002 konnte diese Haube dem Trachtenspezialist, textilen Restaurator und Künstler Jürgen Hohl zur Beurteilung vorgestellt werden. Hohl beurteilte das Stück anhand des verwendeten Stoffes, der Herstellung (Handarbeit) und des Schnittes folgendermaßen: Die Haube stammt aus der Zeit zwischen 1850 bis 1880. Sie ist eindeutig einem Hanselehäs zuzuordnen. Nicht bekannt ist, ob die Haube im Gesichtsbereich deswegen offen ist, weil sie für ein Kind angefertigt worden ist oder eine Bedeckung des Gesichtes damals nicht üblich war. Um die vorgenannte Zeit war die Neogotik im Kommen, das Mittelalter wieder sehr gefragt. Im Zuge dieser Bewegung wurden auch die alten Narrentypen wieder aktuell. Hierfür gibt es auch anderenorts zahlreiche Hinweise.
1874 Im Jahre 1874 hielt der in Konstanz ansässige Oberstaatsanwalt Haager einen Vortrag über Sitten und Gebräuche am Bodensee. Seine Beschreibung des Fasnachtsbrauchtums am See: „Eine alte, beliebte Nationalmaske in den meisten Städten am See (...) ist der Hansel oder Hänsele. (Der Name „Hans" d.h. Johannes ist durch den Johanniter-Orden aus dem Orient nach dem Abendland und Deutschland gekommen und wurden dadurch vielfach geringe Leute und seit dem 15. Jahrhundert dumme Leute und Narren bezeichnet.) Die Kleidung des Hansel (Narrenhäs) besteht in den Städten am See aus einem weiten Kittel, einer schlottrigen Hose und Kaputze von weissem feinen Zwilch, entweder mit Laubwerk und drolligen Figuren mit grellem Farben bemalt, oder mit kleinen bald runden, bald eckigen, bald länglichen buntfarbigen Tuchfleckchen besetzt. Die Kaputze ist von gleicher Beschaffenheit, hat ausgeschnittene Augenlöcher, vornen eine lange herabhängende Nase von rothem Tuch, und über den Hinterkopf hängt ein gewaltiger Fuchsschwanz herunter". Haager beschreibt im Grunde sowohl einen sogenannten „Weißnarren", wobei dieser Begriff eine Schöpfung des früheren Brauchtumsbeauftragten der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) Wilhelm Kutter ist, als auch einen Blätzlebue.
1878 Auf einer Eintrittskarte der Narrenrunde Bodan, die für die Bodansredoute am 27.02.1878 im Inselhotel gilt, ist eine Hanselgestalt zu sehen, die mit typischen Narrenattributen ausgestattet ist.
1882 In der Konstanzer Zeitung finden wir verschiedentlich Erwähnungen des Hansele: 21.2.1882 zum Fasnachts-sonntag: „Hübsche, originelle Masken traten nur vereinzelt auf, das ganze Faschings-treiben lag sozusagen in den Händen einiger Hanselis und der gewohnten Gestalten im Schlafrock mit weisser Zipfelmütze" und über den Fasnachtsdienstag: „Auf der Marktstätte sprangen die Hanseli auf und ab (...) Gegen Abend verschwanden die meisten Hanseli."
1883 Konstanzer Zeitung (KNZ) vom 8.2.1883: „Wie gewöhnlich, so war auch diesmal der ‚letzte Tag' der lebhafteste. Eine Menge von Hanselis, Dominos, Philistern und deren Anhang tummelte sich in den Strassen."
1886 KNZ vom 9.3.1886: „Ausser einigen Hanselis mit ihrem „Bist Du au do?" oder „Gelt Du kennst mi nit?" und kostümierten Kindern war jedoch im Grossen und Ganzen wenig zu sehen."
1887 In der KNZ vom 23.2.1887 war folgende Anzeige zu finden: „1 Hanselanzug u. 1 Blezlebub für einen 9-10 jährigen Knaben Husenstraße 9, Hinterhaus"
1888 KNZ vom 14.12.1888: „...indessen der Hanseli's waren nur wenige erschienen."
um 1890 Jugenderinnerung von Carlo Gnädinger, ehem. Elferrat der Elefanten AG, die er 1930 niederschrieb: „10 Johr alt bin i ebe gsi, woni de erscht Hansel kriegt hon, der wo i Schtoff und Usführung unserm Bankkonto (Fleischbank) apaßt gsi ischt. Vuneme Betzichli-Stoff, o, schä rot bluemet mit eme fürchtig windige Kämmle d'ruff. It ä so en Schtaatshansel, wie se die Löffel (Gymnasiasten) und Prügel (Bürgerschüler) dirt klassewies trage hont, mit Kämm wie italienische Gickeler und Prachtsfarbe." 14
um 1892 Chronik der Konstanzer Blätzlebubebe-Zunft 1933-1979. Der Chronist, Blätzlevatter Ludwig Müller, berichtet: „Ich selbst trug noch im Jahre 1892 ein Blätzlehäs, welches mir meine Mutter aus der Blätzkiste zusammenstoppelte. Schon aber sah man allenthalben den Hansel, eine billige Verwässerung aus Satin, äußerlich dem Blätzlehäs ähnlich. Jung und alt schwärmte für die viel einfacher herzustellende Neuerung, Hunderte durchschwärmten bald die Stadt und der Blätzlebue geriet darüber in Vergessenheit und starb aus." Anzumerken ist, dass die Chronik von Ludwig Müller erst viel später verfasst worden ist und manche Berichte somit nicht als authentisch bewertet werden können.
1896 Wir können in Joseph Laible's Geschichte der Stadt Konstanz lesen: „Noch ist aus alten Tagen die Fröhliche Fastnacht übriggeblieben, wo man 3 Tage lang sich vermummt, Ritter-, Türken- und Kriegskostüme anzieht, hist. Persönlichkeiten, Bletzlibuben und Hansele darstellt."
um 1900 Elard Hugo Meyer, der über das Badische Volksleben im 19. Jh. schreibt, teilt uns über die „Fastnacht" folgendes mit: „Der Hauptspaß ist das Umherlaufen Vermummter, das ‚Narrerenne' der ‚Blätzlebuben', die eine aus Tuchblätzen aller Farben zusammengesetzte Kleidung tragen, oder des ‚Hansele' oder ‚Heine Narro', der in schellenbehangener Narrentracht, auch wohl einen Fuchsschwanz am Kopf, namentlich in der Baar mit einer dumpf tönenden Schweinsblase oder einer Pritsche (...) schlägt."
1907 Ludwig Finckh erzählt 1907: „Was haben die alten Glocken von Konstanz mitangesehen! (...) Wie haben die Glocken gezürnt und gelacht über den Schellen der Hanswurste und Kindsköpfe, die um die Fastnacht ihre Pritschen schwangen und im Hanselschritt tanzend das seltsame Lied dazu sangen: Narro, narro sibo si, ... Denn die Konstanzer Narrenglöckchen haben ihre Tage, an denen sie die großen Domglocken übertäuben. Jedem echten Konstanzer Kind läutet so ein Narrenglöckchen im Blute." 17
1930 In der Chronik der ältesten Konstanzer Narrengesell-schaft, der Elefanten AG, lesen wir 1930 u. a.: „An historischen Fastnachts-trachten waren in Konstanz der ‚Konstanzer Hansele' und die ‚Bletzlebuben' heimisch. Erstere glichen dem Villinger Hansele, letztere der Überlinger Tracht, wenn auch mit kleinen Abweichungen."
1940 Die Konstanzer Brüder Volker und Werner Schmid machten um 1946/47 einen interessanten Fund in der Fasnachtskiste ihrer Großmutter Braunbarth. Sie fanden ein altes Hanselehäs und beschrieben dies folgendermaßen: „Das ganze Hanselehäs bestand aus weißem Baumwollstoff. Eine Kapuze, wo Augen, Nasenöffnung und Mund ausgeschnitten waren, hatte einen blauen Zickzack geschnittenen Kamm, der dreifach verstärkt war. Ein Fuchsschwanz hing hinten herab. Die Zickzack-Enden der Kapuze, Jacke und Hose waren blau gesäumt und mit gegossenen Schellen versehen. Die Jacke war über die Hüften hinaus geschnitten. Auf der Vorderseite waren Bodenseefrüchte wie Äpfel, Birnen, Zwetschgen, Kirschen, ein Seehas auf der Rückseite in Ölfarben bunt aufgemalt. Zwei hinten an der Jacke befestigte Flügel hingen in gezaddelter Form über die Jackenlänge hinab. Auch die blau gesäumten Flügelenden waren mit Schellen besetzt. Die zusammengezogenen Ärmel- und Hosenenden liefen wieder in Zickzackenden aus. Die weit geschnittene Hose wies keine Bemalung auf, ebenso die Kapuze. Eine Pritsche aus Holz wies eine Länge von ca. 50 cm auf, der gedrechselte Griff endete in einem kugelförmigen Knauf."

Text: Peter Längle & Uli Topka

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